Magensteine, Saurier und jede Menge Pläne

Dr. Oliver Wings ist der „steinreiche“ Neue auf Schloss Friedenstein

Umzugskisten türmen sich vor dem Schreibtisch. An die noch kahle Wand ist ein Zettel gepinnt: „Geologic Time Scale“ – mit Zeitangaben in Dimensionen, die das Hirn des 21. Jahrhunderts nicht sofort erfassen kann. In den Regalen stehen schon ein paar Bücher: „Die Enzyklopädie der Fossilien“, „Lost Land of the Dodo“ oder auch „Geologie und Bergbau in der Antike“. Es sind die Bücher von Dr. Oliver Wings. Er ist der Neue auf Schloss Friedenstein, der es eher mit dem Alten hat. Dem ziemlich Alten: Seit August arbeitet der Wirbeltierpaläontologe bei der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha im Referat Wissenschaft und Sammlungen.


„Mich fasziniert vor allem das Leben, welches vor Jahrmillionen unseren Planeten bevölkerte: vom Einzeller über die Seelilie bis hin zum Ichthyosaurier“, sagt der 43-Jährige. Er ist der Nachfolger von Dr. Thomas Martens, der im Oktober des vergangenen Jahres in den Vorruhestand gegangen war. Wings übernimmt von ihm eine besondere Sammlung: Dazu zählen nicht nur weit über 100.000 geowissenschaftliche Objekte in zwei Magazinen, ein Naturalienkabinett aus dem 18. Jahrhundert, sondern auch die Ursaurier aus dem Bromacker in Tambach-Dietharz.

Die Funde stammen aus dem Perm, sind etwa 280.000.000 Jahre alt und haben – fast immer – etwas Besonderes: einen erhaltenen Schädel. „Es ist der Traum eines jeden Paläontologen, komplette Tiere zu haben. Das hier ist wirklich fantastisches Material, einzigartig auf der Welt“, erläutert Wings. Er möchte jetzt erforschen, wie die Fundstelle überhaupt entstanden ist und warum sich dort so viele verschiedene Tiere befinden. Merkwürdig sei auch, dass es sich vorwiegend um Pflanzenfresser handele, da im Perm vor allem Fleischfresser dominiert haben. All dies kann der Wissenschaftler nicht alleine ergründen. Ein großes Anliegen von Oliver Wings ist es deshalb, das Material wieder erforschbar zu machen, mit anderen Forschern in Kooperation zu treten, die Sammlung also noch bekannter zu machen.

Thüringer Nachwuchs und ein Gigant aus China

Daten sollen digitalisiert und über das Internet verfügbar gemacht werden. Mittels Photogrammetrie sollen aus digitalen Fotografien submillimetergenaue 3D-Modelle entstehen. Zu Wings Aufgabenbereich gehört auch der Bereich „Wissenschaftshistorie“: Koryphäen der Geowissenschaften, wie der Begründer der Paläobotanik Ernst Friedrich von Schlotheim, waren in Gotha tätig gewesen und haben nicht nur alte Sammlungen hinterlassen, sondern auch Korrespondenz, die auf ihre Aufarbeitung wartet. „Ich würde mich auch gerne in der Nachwuchsförderung engagieren – falls sich bei der Jugend noch jemand für Steine und Fossilien interessiert“, sagt Wings.

An dem Ärmel seines Fleece-Pullis klebt ein Aufnäher: „Dinosaur-Ekspeditionen Grønland 2012“. Es ist nur eine von vielen Ausgrabungen, an denen Wings teilgenommen hat. Der Geologe hat sich quer durch die Kontinente dieser Welt gegraben und dabei auch Giganten wie den Xinjiangtitan ans Tageslicht befördert: Im Rahmen seiner Postdoc-Forschung an der Uni Tübingen hat er im Nordwesten Chinas diesen 35 Meter langen Riesen-Dinosaurier erstmals gefunden und ausgegraben – Kulturbarrieren und Übersetzungsschwierigkeiten inklusive. „Es ist immer wieder ein erhabenes Gefühl, der erste Mensch zu sein, der solche uralten Knochen ausgräbt. Der erste zu sein, der das überhaupt sieht“, sagt der Forscher.

Eine glückliche Fügung

Bevor er nach Gotha kam, hat Wings am Niedersächsischen Landesmuseum Hannover gearbeitet und dort ein vierjähriges Forschungs- und Grabungsprojekt im Harz geleitet, bei dem der Europasaurus und seine Lebenswelt zur Jurazeit untersucht wurden. Davor liegen Stationen am Museum für Naturkunde in Berlin, an den Universitäten in Erlangen, Bonn und Tübingen sowie am Dinosaurier-Park Münchehagen. Er hat Magensteine bei Dinosauriern untersucht, Saurierspuren vermessen, vom Mineralzerfall bedrohte Sammlungen konserviert und erforscht, warum Knochen überhaupt fossil werden. Selbst Wings Hobby ist in den Geowissenschaften angesiedelt: Er sammelt und poliert besonders schöne Kalksteinproben aus der ganzen Welt.

Jetzt hat sich der Kreis für Wings geschlossen. Er stammt ursprünglich aus Erfurt. Schon als Schüler hat er dort im Naturkundemuseum gearbeitet und sich mit dem Material aus dem Thüringer Becken und dem Thüringer Wald beschäftigt. „Es ist eine glückliche Fügung, dass ich nun, nach 25 Jahren, wieder nach Thüringen zurückkehren kann“, sagt Wings und fügt grinsend hinzu, „und damit auch zur Thüringer Leber- und Bratwurst. Denn die kriegen sie anderswo einfach nicht so gut hin.“
 

Abbildung: Dr. Oliver Wings und die Friedensteinsche Sammlung: fossile Wirbeltier-Spuren aus dem Thüringer Wald