Geburtshelfer der Toleranz

Wie die Reformation trotz ihrer dunklen Flecken der modernen Toleranz den Weg ebnete

Wie viele andere Gebiete im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bildete auch Thüringen in der Frühen Neuzeit einen Schauplatz im Kampf um die Seelen, den Katholiken und Protestanten sowie weitere unterschiedliche Glaubensrichtungen untereinander ausfochten. Ausgangspunkt dieses Gerangels um den „wahren Glauben“ war zum Teil auch die hiesige Kleinstaaterei, die eine Vielfalt an politisch-religiösen Konstellationen ermöglichte:

Der bei weitem größte Teil des Landes gehörte anfänglich zum Territorium der streng lutherisch orientierten Ernestinischen Herzöge von Sachsen. 1572 erfolgte die erste Teilung ihres Landes. Durch nachfolgende Erbteilungen und der damit verbundenen Zersplitterung ihres Besitzes büßte die Ernestinische Dynastie seit der Mitte des 17. Jahrhunderts dauerhaft ihre machtpolitische Bedeutung im Alten Reich ein. Aus Sachsen-Weimar ging 1640 das Herzogtum Sachsen-Gotha hervor. Dieses Herzogtum entwickelte sich unter Ernst dem Frommen (1601–1675) zu einem lutherischen Musterstaat. Auch die Grafschaft der Schwarzburger, die Herrschaftsgebiete der Reußen im Vogtland, zu denen vor allem Unter- und Obergreiz, Gera und Lobenstein gehörten, sowie die Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen waren lutherisch geprägt. Daneben existierten die katholischen Enklaven des Erzbistums Mainz, zu denen das Eichsfeld mit Heiligenstadt, die bikonfessionelle, lutherisch-katholische Stadt Erfurt sowie das Amt Rockenstuhl mit Geisa in Südthüringen gehörten. Hier fand am Ende des 16. Jahrhunderts eine Rekatholisierung der erst kurz zuvor für den evangelischen Glauben gewonnenen Gebiete statt. Ein weiterer innerprotestantischer Gegner erwuchs den Lutheranern mit den Reformierten, die mit der Konversion von Landgraf Moritz von Hessen-Kassel auch in Thüringen, vor allem in Schmalkalden und Vechta, an Einfluss gewannen. Hinzu kamen weitere, zum Teil separatistische Bewegungen innerhalb des Protestantismus wie die im frühen 16. Jahrhundert wirkmächtigen Wiedertäufer (Anabaptisten) und einige wenige Antitrinitarier. Erwähnenswert sind ferner kleine jüdische Gemeinden, die sich im 17. Jahrhundert unter schwierigen Bedingungen zum Beispiel in Schmalkalden, Mühlhausen und Nordhausen ansiedeln konnten. Später kam die große Frömmigkeitsbewegung des Pietismus dazu, die das Luthertum fundamental verändern sollte.
Das Nebeneinander verschiedener christlicher und jüdischer Glaubensrichtungen im Thüringen der Frühen Neuzeit lässt vermuten, dass in diesem Zeitraum der Grundstein für das gelegt wurde, was wir gemeinhin als Toleranz bezeichnen. Zum Teil werden Martin Luther und die Reformation – jenes Ereignis, das das Mittelalter beendete und die Frühe Neuzeit einläutete – sogar als „Wiege der Toleranz“ gepriesen. Dabei unterscheidet sich der heutige Toleranz-Begriff deutlich von dem der Frühen Neuzeit, und vieles im Umgang der Reformatoren mit beispielsweise den Juden oder „Schwärmern“ spricht sogar gegen diese Toleranz-These. Das Reformationsjubiläum in diesem Jahr wirft erneut die Frage auf, wie es um die Toleranz im Land der Reformation eigentlich bestellt war. Auch die Ausstellung „,Im Kampf um die Seelen‘ – Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit“ der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt nähert sich seit dem 30. April unter anderem diesem ambivalenten Thema.

„Tatsächlich kann man den heutigen Toleranzbegriff nicht mit dem des 16. Jahrhunderts vergleichen“, betont auch Dr. Sascha Salatowsky, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsbibliothek Gotha und Kurator der Gothaer Ausstellung. Bedeutet der Toleranz-Begriff heute ein zumindest neutrales Neben- und Miteinander unterschiedlicher Lebensstile und Glaubensrichtungen ohne jeglichen Nachteil, zeichnet sich Toleranz im Zusammenhang mit der Reformationszeit vor allem durch Gewissensfreiheit, also Glaubensfreiheit, und die Duldung Andersgläubiger aus. „Gewissensfreiheit heißt dabei nicht nur, dass es keinen Glaubenszwang gibt, sondern beispielsweise auch, dass Gewaltanwendung in Glaubensfragen nicht erwünscht ist – dafür standen auch Luther und die anderen Reformatoren und Verfechter des protestantischen Glaubens nach ihm ein. Hier muss man jedoch differenzieren, von welcher Zeit und welchen Bedingungen wir genau sprechen. Wenn man zum Beispiel die Traktate von Theologen aus dem 17. Jahrhundert liest, erkennt man, dass sich der Toleranz-Anspruch der Lutheraner klar von jenem der Katholiken und Reformierten unterscheidet. Während jene die Hinrichtung von Andersgläubigen oder Ketzern kategorisch ablehnten, sprachen sich diese wiederholt dafür aus. Für die Lutheraner kam als maximale Bestrafung die Verbannung in Frage. Das war jedoch auch bereits zu einer Zeit, in der sich das Luthertum gefestigt hatte und keine ‚Existenzängste‘ mehr ausstehen musste. Deshalb erkennt man hier auch eine veränderte Haltung gegenüber Martin Luther, der sich, gewiss noch unter anderen historischen Bedingungen, wiederholt für die Verfolgung und auch Hinrichtung von Umstürzlern – als solche sah er die Revolutionäre um Thomas Müntzer, aber auch die Anabaptisten an – ausgesprochen hatte.“
Dennoch scheint die Reformation mit ihrer Betonung der Gewissensfreiheit einen Prozess in Gang gesetzt zu haben, der der späteren Forderung nach einer umfassenden Toleranz-Freiheit den Weg ebnete. Dafür sprechen auch einige positive Beispiele eines friedlichen Miteinanders von Konfessionen, die es bereits im 16. Jahrhundert gab: in Erfurt und Schmalkalden beispielsweise. Beide Städte waren zeitweise bi-konfessionell und alter und neuer Glaube wurde parallel gelebt und praktiziert. Schmalkalden, das schon seit 1320 unter einer Doppelherrschaft regiert wurde, machte im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts mehrfach konfessionelle Veränderungen durch. Nach der Reformation wurde die Stadt beispielsweise vom katholischen Grafen von Henneberg-Schleusingen und dem zum Luthertum gewechselten Landgrafen Philipp von Hessen gleichzeitig regiert. „Für die Einwohner der Stadt hieß das: Konfessionswahlfreiheit. Sie konnten sich aussuchen, welchen Glauben sie praktizieren wollten, denn beide Gottesdienste wurden in unterschiedlichen Kirchen parallel abgehalten“, weiß Sascha Salatowsky. „Und aus dieser Zeit, die bis in die 1540er-Jahre hinein andauerte, sind uns keinerlei religiöse Auseinandersetzungen bekannt.“ Ähnlich war es in Erfurt, das zum Erzbistum Mainz gehörte, aber unter starkem reformatorischen Einfluss stand und sich so zu einer bi-konfessionellen, lutherisch-katholisch geprägten Stadt entwickelte. „Schon bald bekannte sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zum neuen Glauben. Das wollten die Katholiken natürlich nicht einfach akzeptieren. Die Gegenreformation und das Auftauchen der Jesuiten sollten wieder mehr Menschen zum Katholizismus zurückführen. Das lief nicht ohne Kontroversen ab. Dennoch gab es auch hier Religionsfreiheit, erst informell und ab 1618 auch vertraglich.“
Dennoch: Zur Toleranz, wie wir sie heute kennen, war es noch ein weiter Weg; auch in der Frühen Neuzeit wurde von vielen Seiten her ausgegrenzt, gehetzt, verfolgt, und eine Duldung Andersdenkender oder Andersgläubiger war häufig rein pragmatisch. Das zeigt sich am Beispiel der Juden ganz deutlich. Obwohl sie vielerorts immer wieder vertrieben wurden – beispielsweise auch aus Thüringen durch die von Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen auf Luthers Schriften beruhenden Niederlassungs- und Handelsverbote (1536 und 1543) –, durften sie sich in kleinen Gemeinden hier und da ansiedeln. Schließlich zahlten sie hohe Steuern und waren gefragte Goldschmiede. Die Obrigkeit zog also einen Nutzen aus ihnen und akzeptierte dafür auch, dass sie sich im Land niederließen. Diese Art von Duldung hatte mit dem heutigen Toleranzgedanken jedoch kaum etwas zu tun, denn der jeweils andere Glaube wurde dennoch als der nicht richtige betrachtet. „Zu jener Zeit bestanden die Konfessionen noch auf ihrem absoluten Wahrheitsanspruch“, sagt Salatowsky. „Jeder Glaube proklamierte für sich, der allein wahre und heilsbringende Glaube zu sein. Das war auch der Ausgangspunkt von Luthers Reformation. Zwar verankerte man im Augsburger Religionsfriede von 1555 die gegenseitige Anerkennung der katholischen und lutherischen Konfession, und auf einer gewissen Ebene proklamierten die Reformatoren die Akzeptanz anderer Religionen, weil man den Glauben ja nicht zwingen könne. Aber auch sie blieben dabei, dass ihr Glaube der wahre Glaube sei. Für die Erkenntnis, dass man seinen eigenen Wahrheitsanspruch aufgeben oder mindestens neutralisieren müsse, um zu einer umfassenden, nicht an Vorbedingungen geknüpfte Toleranz zu kommen, dafür war es noch zu früh.“ Zu früh und vielleicht auch gar nicht im Wesen der Reformation angelegt: Der festgehaltener Wahrheitsanspruch, der Umgang mit Radikalen und Andersgläubigen, zum Teil heftige innerreligiöse Debatten über die Taufe, das Abendmahl oder das Bilderverbot und nicht zuletzt eine überbordende Polemik, die über die ersten Massenmedien der Geschichte Argwohn, Hetze und letztlich Intoleranz verbreitete – all das zeichnete in der Frühen Neuzeit nicht nur die Katholische Kirche aus, sondern eben auch die Lutherische. „Aber die Ketzer, das waren natürlich immer die anderen!“, weiß Salatowsky. Wenn Toleranz im 16. Jahrhundert also noch relativ schwach ausgeprägt war, was ist dann dran am Mythos der Reformation als Geburtshelfer der Toleranz? Viel, denn: „durch ihren Bruch mit der Macht der einen katholischen Kirche und ihrer Proklamation der Glaubensfreiheit und des Glaubens als Privatsache legten die Reformatoren den Grundstein für die Entwicklung der modernen Toleranz“, betont der Historiker Salatowsky. Hinzu kommt eine stärkere Forderung nach Nächstenliebe und Rücksicht auf die Schwachen, die Luther immer wieder predigte. Und nicht zuletzt nahm die Trennung von Staat und Religion, die einige Wissenschaftler aus Luthers Doktrin der „Zwei Reiche“ herausgelesen haben, die Herausbildung des späteren Toleranz-Begriffes schon vorweg.       

Religiöse Vielfalt, wie sie in der Frühen Neuzeit vielerorts herrschte, war also keineswegs gleichzusetzen mit religiöser Toleranz. Und unangefochtene Helden der modernen und vor allem gelebten Toleranz sind Luther, Melanchthon und andere Reformatoren rückblickend sicher nicht. Das bleibt wohl weiterhin den Akteuren der Aufklärung und ihrem Vordenker, dem britischen Gelehrten John Locke, vorbehalten. Dieser läutete mit seinem „Letter Concerning Toleration“ 1689 eine neue Ära in der Zivilisationsgeschichte ein, indem er klarstellte, wie Europa durch eine Trennung von Kirche und Staat religiös motivierten Kriegen aus dem Weg gehen kann. Erst da war die Zeit für ein neues Denken abseits des religiösen Autoritätsgedanken und eines starren Wahrheitsanspruches angebrochen. Dass die Reformation ein wichtiger Schritt auf dem Weg dahin gewesen ist, bleibt aber unbestritten. Verfolgung und Hetze gegenüber Andersdenkenden und -gläubigen wie den Juden oder Wiedertäufern auf der einen Seite sowie Glaubensfreiheit, Nächstenliebe und Trennung von Staat und Religion auf der anderen – das Thema Toleranz im Luthertum der Frühen Neuzeit ist facettenreich. Wie sich die Glaubensvielfalt, der „Kampf um die Seelen“ der verschiedenen Glaubensrichtungen und die damit einhergehende (In-)Toleranz im Thüringischen Land abzeichnete, darin hofft Sascha Salatowsky in seiner Ausstellung und dem dazugehörigen Katalog anhand der Bestände der Forschungsbibliothek Gotha Einblicke geben zu können.

„Im Kampf um die Seelen“ – Glauben im Thüringen der Frühen Neuzeit
Ausstellung im Spiegelsaal der Forschungsbibliothek Gotha, Schloss Friedenstein
bis 9. Juli 2017 | Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr
virtuelle Ausstellung: https://projekte.uni-erfurt.de/im-kampf-um-die-seelen

Abbildung:
[Unbekannt:] Kompt her/ seeht zu ihr lieben Herrn/ umb Strick und Schuch/ Kutten und Kappn/ wie doch die Kuttenhengst sich zerrn. [s.l.] 1620. FB Gotha, Mon.typ. s.l.et a. 2° 118 (531).